ROLAND BERGÈRE

Biographie

Roland Bergère Geboren in Frankreich, lebt und arbeitet in Köln

Ausstellungen Galerie amschatzhaus

Werke


Ausstellung 2025: weniger mehr – moins de plus Ein Sprichwort sagt: „Man erkennt den Maurer am Fuß der Mauer“. „Man könnte auch hinzu­fügen: Die Mauer sieht man am Gesichtsaus­druck des Maurers. Ich erinnere mich an jenen eines Maurers auf einer Baustelle, der sich da­mit brüstete, eine Mauer ohne die Hilfe eines Senklots hochziehen zu können. Die hier hochgezogene Wand hat diesen An­spruch nicht, oder besser gesagt, ihr An­spruch ist anderer Natur: Er liegt in der Absicht zu versuchen, den Behälter an den Inhalt anzu­passen, die Abwesenheit an die An­wesenheit, das Wahrnehmbare an das Unwahr­nehmbare.“ Mit diesem Zitat zur kommenden Ausstellung in der Galerie amschatzhaus beschreibt der Künstler Roland Bergère seine Gedanken zu einer der Installationen, die er unter dem Titel „weniger mehr – moins de plus“ präsentieren wird. Eine Art Kampfansage an Superlative, was auch immer sie sein möge. In Frankreich geboren und seit Ende der Achtziger Jahre in Köln lebend, ist Bergère auf der Suche nach dem Wahrnehmen, dem Messen der Zeit mit wahrlich allen Mitteln und vor allem einem künstlerischen Vorgehen, bei dem es nicht um das Anhäufen von Werken geht. Mit künstlerischem Nihilismus bewegt er sich in der darstellenden Welt des Zeichners, ist Medienkünstler, arbeitet akribisch konzeptionell und auf parallelen Metaebenen. Er archiviert das Leben, wie den Tod. Roland Bergère versucht immer wieder Gedankenprozesse sichtbar zu machen. Mit Skalen, Diagrammen, Uhren, Reihungen und Listen ist ist durch ihn eine komplexe und zugleich einfache, offene und manchmal verschlossene Herangehensweise an das Thema „Erinnerung/Vergessen“ entstanden, die jeder von uns ansprechen kann solange es besteht. Bergère stellt dabei die philosophische These auf, dass „wenn man von den Grenzen des Gedächtnisses sprechen würde, von der Ohnmacht, sich an alles immer zu erinnern, anzuerkennen und zu akzeptieren, aber nicht davor zurückschrecken würde es zu versuchen, dies bereits ausreiche, um einer Person das Gefühl zu geben, alles im Leben erreicht zu haben und dass die Hoffnung zuletzt stirbt.“ Kein Wunder also, dass Roland Bergère’s künstlerisches Werk geradezu zeitlos ist und gleichzeitig aktueller denn je. Die aktuelle politische Weltlage macht deutlich, dass Erinnerung stattfindet, aber im Hier und Jetzt wenig Auswirkungen hat. Allein das Wissen über die Vergangenheit scheint die Zukunft der Menschheit nicht retten zu können. Es ist so kompliziert wie einfach und diese Ambilvalenz findet sich auch in Bergère’s Gesamtwerk wieder. Spielerisch werden Zettel collagiert, akribisch werden Fläschchen verfüllt (mit zerkleinerten früherer Arbeiten), die Teil einer transzendentalen Uhr werden. Zahlen werden aneinandergereiht, Gedächtnisprotokolle erstellt und Stein über Stein gesetzt. Veränderungen finden statt, gemessen von Sanduhren, denen das Rieseln nicht möglich ist. In einem Video verschwinden die geschriebenen Wörter schlicht durch das Kochen von Büchern, die einmal Gedächtnisprotokolle waren und ein verwegener Rasensprenger wäscht handschriftlich Verfasstes, Seite für Seite ins fast Lupenreine. Aus dem Schmunzeln heraus entsteht so manche Betroffenheit und eine begleitende Geschichte zur Ausstellung liefert Antworten. So ist das, was in der Galerie amschatzhaus gezeigt wird, nicht allein der Bericht über einen abgeschlosse­nen Werdegang von „weniger mehr – moins de plus“, sondern vielmehr der erste Schritt in den Ausblick dessen was kommt. In die Zukunft hinein, wie eine Türschwelle, eine Grenze oder imaginäre Linie, an der das Getane und das Nichtgetane sich begegnen, das Gesagte und das Nichtgesagte und das was gesagt werden könnte. Roland Bergère entführt die Besucher*innen in eine Welt, in der das Erinnerte und das Vergessene aufei­nandertreffen könnten. Ein Unternehmen, das sich auf einen möglichen Ausdruck der Zeit zubewegt. Eine stille Zeit, im Widerspruch zu dem von Menschen erzeugten «tic-tac».
Ausstellung 2017: Um die Häuser „Wände, so wird erzählt, haben Ohren. Ist es so, haben sie auch einen Mund? Und wenn ja, können sie sprechen? Ist es der Fall, sind wir fähig, sie zu hören, und wenn – was hören wir?“ – so skurril, rätselhaft und ironisch-hintergründig führt Roland Bergère, der in der Bretagne groß geworden ist, das Eingangsobjekt seiner dritten Ausstellung in der Galerie amschatzhaus ein. „Um die Häuser“ heißt der doppeldeutige Titel seiner Schau, der allerdings eindeutig gemeint ist, denn tatsächlich geht es in der Ausstellung um Häuser, und nicht darum, etwa „um die Häuser zu ziehen“, wie es umgangssprachlich heißt. In der Tradition von Künstlern wie Marcel Broodthaers oder Christian Boltanski variiert Bergère sein Thema ebenso tiefgründig wie vielgestaltig: Mal ist es ein kleiner Fensterladen aus Zink, aufgezogen auf Holz zur Assemblage, zum Ausstellungsobjekt geadelt. Dann wieder sind es minutiöse Zeichnungen, Serien von Aufklebern, säuberliche oder eher verschwommene Aquarelle. Bisweilen werden sie mit eigentümlichen Texten versehen, Geschichten oder hermetischen Prosafragmenten, die den Objekten zusätzlichen Zauber verleihen. Wenn in manchen Stücken der Bezug zum Thema klar zu erkennen ist, wird er in anderen eher verborgen oder tarnt sich als ironische Anspielung, etwa in der Arbeit „La Porte/Die Tür“: Diese besteht aus einem in Streifen geschnittenen und dann zu Lochkarten perforierten Foto, daneben eine kleine Spieluhr, die dem ersten Eindruck nach mit den Lochkartenstreifen betrieben werden könnte. Doch was hat das mit einer Tür zu tun? Man könnte das Bild, das Foto und Spieluhr miteinander schaffen, entfernt als stilisierte Tür interpretieren. Doch der erklärende Text zeigt, dass der Themenbezug viel mehr in die Tiefe geht: „Der letzte Ausweis von Walter Benjamin bei der Bibliothèque Nationale Française trug die Nummer 3454, Zahlen, die auf einer Tonleiter folgende Noten ergeben: mi – fa – so – fa [E F G F]. Diese vier Töne wurden auf einem Foto des Eingangs der Nationalbibliothek variiert und perforiert.“ Der Bibliotheksausweis öffnet eine Tür, und zwar jene, die auf dem Foto abgebildet ist. Walter Benjamin, der jüdische Intellektuelle, der während der Nazizeit in Paris zwischenzeitlich sein Exil gefunden hatte, forschte in der Nationalbibliothek intensiv – im Rahmen seiner Arbeit am legendären „Passagenwerk“. Sein Bibliothekausweis ist demnach die Tür zum Wissen, zur Geschichte, zum weitläufigen Haus des Geistes. Allegorisch auch die Themenreferenz bei der Arbeitsserie: „Les dos des photos/Der Rücken der Fotos“ – Bergère versteht Papierabzüge von Fotos gewissermaßen als ihre „Fassade“, auf die Rückseite alter Fotografien hat er nun ihr Motiv in Aquarellfarben farbig nachgetuscht. Denn hinter jedem dieser Schwarzweiß-Bilder von annodazumal stand früher eine bunte Wirklichkeit. Bergéres Ausstellung ist ein poetisches Schaustück, Bild und Objekt gewordene Geschichte. Ruhig und mehrbödig laden sie den Betrachter dazu ein, sich Gedanken zu machen über Zeit, Raum und Gedächtnis – und damit nicht zuletzt über den Wert und die Zielvorstellun-gen der menschlichen Existenz. Bergères „Häuser“ sind Behältnisse für das Nachdenken, anregende Vehikel für die Begegnung mit sich selbst.
Ausstellung 2012: Wolken bauen / bâtir des nuages – building clouds Zeichnerische Exerzitien, digitale Arbeiten, Fotos und Künstlerbücher

Am Samstag, den 26. Januar 2013 präsentiert die Galerie amschatzhaus zum zweiten Mal den in Köln lebenden, französischen Künstler Roland Bergère. Sein Werk ist wie kaum ein zweites mit Poesie verwoben und philosophisch grundiert. Seit Jahren schon arbeitet er an seinem „schweigenden Archiv“, das eine buchstäblich paradoxe Methode verfolgt. Archive sind der Inbegriff des Gedächtnisses, des Bewahrens, aber auch der Zugänglichkeit von Erinnerung. In diesem Sinne sind Archive höchst beredt, liefern uns einen lebendigen Zugang zur Geschichte.

Roland Bergères künstlerisches Archiv implementiert das faktische Gegenteil: Hier werden zahlreiche Ideen, Skizzen, Zeichnungen und Gedanken miteinander verklebt, dadurch unkenntlich, unleserlich gemacht, aber in dieser skulpturalen Form auch bewahrt, also durchaus „archiviert“ – nur dass niemand mehr dieser Informationen teilhaftig werden kann. Dieses Archiv verschweigt sie, enthält sie dem Betrachter bewusst vor. Auch seine aktuelle Ausstellung „Wolken bauen“ stellt sich in diese Denk- und Arbeitsrichtung, die hier gezeigten Arbeiten bezeichnet Bergère gewissermaßen als „Wolken“, also scheinhafte Wesensformen, die das Archiv umschweben: Man kann sie, wie er selber sagt, „anschauen, interpretieren, emotional nach- oder umformen, sie als sinnvoll loben oder als sinnlos brandmarken, man kann über sie lachen und sie beweinen, sich danach sehnen und sie daher auch kaufen!“ Man kann sie verfluchen, ablehnen, bewundern, das alles tue der Betrachter angesichts des ästhetischen Scheins. Dieser aber sei notwendig, so Bergère, denn die Entwicklung, die sich darin ausdrückt, die Methode, diese Arbeit durchzuführen ebenso wie die Durchführung selbst, sie erzeugen ein Gefühl von Zeit, das der Künstler zu erkunden und wahrzunehmen versucht, den „Duft der Zeit“ (Meister Eckhart). Dabei fallen eine Menge von Nebenprodukten ab, Schrift, Zeichen, Figuren, die in das Archiv übergehen. Je mehr das Archiv wächst, desto näher rücke, so Bergère, die erträumte Zukunft, nämlich das Archiv selbst.

Konkret wird die Ausstellung unter anderem zeichnerische Exerzitien beinhalten, wie „Chaque jour est une montagne à descendre“ (Jeder Tag ist ein Berg, den es herabzusteigen gilt) – insgesamt 694 seriell angefertigte Zeichnungen des Berges, ähnlich den japanischen Darstellungen des Fujihamas. Allerdings ist das Vorbild, dem Bergère sich mit gleicher Leidenschaft widmet wie die alten japanischen Aquarellisten nur ein Handtuch, anti-künstlerisch, nihilistisch und doch genauso ernst wie Zen-Malerei. Außerdem werden digitale Arbeiten zu sehen sein, Fotos und Künstlerbücher, von denen Bergère seit vielen Jahren eine enorme Menge gestaltet hat – hier u.a. sein Werk über „hasard et nécessité“ (Zufall und Notwendigkeit), das sich auf Stephane Mallarmés berühmtes Gedicht „Ein Würfelwurf“ bezieht. Außerdem werden verschiedenste Mischtechniken und Installationsbestandteile in der Ausstellung zu sehen sein. Die Vernissage ist am Samstag, den 26. Januar um 16.30 Uhr. Der Künstler ist anwesend.


Ausstellung 2010: Schweigende Archive und Künstlerbücher

Am 15. Mai 2010 freut sich der Projektraum amschatzhaus über die erste Ausstellung von Roland Bergère in den Galerieräumen in Neuss-Holzheim. Die Vernissage beginnt um 16.30 Uhr. Die Finissage ist am 17. Juli 2010.

Das Licht eines längst erloschenen Sterns… Also eines Himmelskörpers, der so weit entfernt von der Erde ist, dass wir ihn erst dann am Firmament entdecken, wenn er längst nicht mehr existiert, verglüht, implodiert, eine Randbemerkung im All. Ein anderes Bild: Ein Künstler digitalisiert sein Lebenswerk, konzentriert alles auf einer einzigen Festplatte, die mithin sein gesammeltes Schaffen birgt, doch dann – drückt er die Löschtaste. Zwei Metaphern, die den künstlerischen Nihilismus des bretonischen Installations-Künstlers, Zeichners und Medienartisten Roland Bergère perfekt umreißen. Geboren in Lorient an der Atlantikküste, kam Bergère nach einem Kunststudium ebendort Anfang der Achtziger Jahre nach Köln, wo er zunächst malte, eine faszinierende Bildsprache in Öl entwickelte, die Trivialität und Poesie vereinte. Mit dem Aufkommen der digitalen Medien wandte er sich jedoch – getreu den Prinzipien der künstlerischen Avantgarde – davon ab, um sich nicht länger dem illusionären Schein, der Produktion nicht-authentischer Bildwelten zu widmen.

Geblieben ist allerdings die Zeichnung, und hier sind es vor allem großformatige, aufwändig und liebevoll gestaltete Buchwerke, echte Preziosen, die sich bisweilen ausnehmen wie mittelalterliche Inkunabeln. Tatsächlich verleihen spezifische Techniken, der Einsatz von Tipp-Ex, Tee und Kaffeesatz seinen schwebend-leichten Figurationen Geruch und Patina. Zum Buch als Medium kommt es nicht von ungefähr, besitzt doch die Literatur, die französische wie die deutsche, eine große Bedeutung für Bergère.

Auf der anderen Seite des Sprechens jedoch steht das Schweigen, das Tilgen der Festplatte, das Verlöschen des Sterns… Über Jahre und Jahrzehnte hinweg hat Bergère seine „Archive des Schweigens“ angelegt, die amschatzhaus erstmals öffentlich zu sehen sind und dies in ihrer besonderen engen Verbindung zu den Buchwerken. Für die „Archive des Schweigens“ hat er alle seine Papiere, Skizzen, Notizen, Entwürfe, wenn sie nicht unmittelbar mehr gebraucht wurden, zu stetig anwachsenden Türmen zusammengeleimt. Ein Archiv der besonderen Art also, ein Archiv, das niemand mehr lesen kann – das aber den Betrachter unbedingt in den Bann zieht.